TAG DES ARTENSCHUTZES: BIOLOGE UND NIKON-FOTOGRAF FABIAN MÜHLBERGER IM INTERVIEW

Mittwoch, 03. März 2021

Der Biologe und Wildlife-Fotograf Fabian Mühlberger über Naturbilder als Mittel des Naturschutzes, die Frage, wie Faultiere riechen und seine Arbeit mit der Nikon D850 und Z 7 im peruanischen Amazonasgebiet.

Fabian, Anlass unseres Interviews ist der heutige Tag des Artenschutzes. Wie stellt sich die Lage für dich als Biologen und Naturschützer dar. Präziser gefragt: Wie viele Arten gibt es und wie gefährdet sind sie?

Die Zahl der Arten auf der Welt zu benennen ist schwer, bislang haben wir ca. 1,8 Mio. Arten beschrieben, die Wissenschaft geht aber von mehr als 8 Mio. aus. Es gibt also noch viel zu entdecken. Erschreckenderweise sterben Arten inzwischen schneller aus als neue beschrieben werden, weil der Mensch ihren Lebensraum schneller als je zuvor zerstört. Nur noch knapp 20 % der Landfläche ist Wildnis – in Deutschland sind es sogar nur 2 % – und nur noch 4 % der Landtiere sind Wildtiere, der Rest ist Nutzvieh. Ohne Artenvielfalt, ohne Wildnisgebiete zerstören wir die Böden, auf denen unsere Nahrung wächst, das Klima verliert das Gleichgewicht, Süßwasser schwindet und vieles mehr. Artenschutz bedeutet: Alles Leben auf der Erde zu schützen – allen voran auch unseres.

Du engagierst dich seit einigen Jahren ehrenamtlich bei der Naturschutz-Stiftung Wilderness International. Was ist deren Ansatz?

Das Konzept bestand darin, intakten Urwald zu schützen, und zwar langfristig und rechtssicher. Statt langwieriger Wiederaufforstung lautet das Motto: Bewahrung von Ur- und Naturwäldern, deren Regeneration Jahrhunderte brauchen würde durch Aufkauf von Waldflächen. Eine sehr effektive und transparente Strategie, wie ich finde - weshalb ich mich gerne ehrenamtlich engagiere. Finanziert werden die Maßnahmen vorwiegend als CO²-Ausgleichzahlungen, die verschiedene Reiseagenturen anbieten, die aber auch jeder einzelne Mensch auf der Website von Wilderness International für sich berechnen und ausgleichen kann.

Du selbst bringst deine Expertise als Biologe, vor allem aber auch deine Fähigkeiten als Fotograf ein. Warum ist das Fotografieren in diesem Zusammenhang so wichtig?

Bilder sind das wirkungsvollste Mittel, um über natürliche Räume und ihre Bedrohung aufzuklären. Gleichzeitig sprechen sie die Menschen auch auf der emotionalen Ebene an. Wenn ich die Schönheit, die Vielfalt und die Einzigartigkeit in eindrucksvollen Bildern zeige, sensibilisiert das und kann zu einem Engagement oder Umdenken effektiv beitragen.

Fabian Mühlberger im peruanischen Urwald

Neben Waldgebieten in Kanada gehören seit Ende 2019 auch solche in Peru dazu. Warum ausgerechnet da?

Die Sektion Wilderness International Peru, die ich mitbegründet habe und deren Stiftungsrat ich angehöre, schützt Waldgebiete in der Region Madre de Dios im Osten Perus, in der sich noch große Flächen wilden Amazonaswaldes befinden. Einerseits wurde hier weltweit die bisher größte Artenvielfalt aufgezeichnet, die man je in einem Wald vorgefunden hat. Andererseits ist durch das Gebiet gerade ein Highway gebaut worden, von dem aus sich Schneisen im Fischgrätenmuster in den Wald ziehen. Wir versuchen, einen Schutzpuffer zwischen diesen Arealen und dem Nationalreservat Tambopata zu etablieren.

D850 | 90mm | 1/125s | f/11 | ISO 100

Wann warst du zum Fotografieren vor Ort?

Ich war mehrfach in der Region unterwegs, das letzte Mal coronabedingt im Januar 2020, in der Summe ein paar Wochen.

Erstaunlich, wie viele fantastische Tierporträts und Landschaftsaufnahmen du in der kurzen Zeit hast machen können. Wie bist du vorgegangen?

Bei aller Erfahrung ist es wichtig, sich so gut wie möglich im Vorfeld zu informieren, sowohl was die Fauna angeht als auch deren Verhalten und mögliche Beobachtungspunkte und sich an Leute wendet, die sich vor Ort auskennen. Ich bin unter anderem mit Biologen einer lokalen Tierschutzorganisation losgezogen, oft auch mit einem Local, der in diesen Wäldern aufgewachsen ist und auch gejagt hat, dadurch besitzt er ein unglaubliches Können beim Aufspüren der Tiere. Nachts war ich aber auch viel alleine unterwegs, um nachtaktive Tiere wie bestimmte Frösche aufzuspüren.

Du hast folglich mit Blitzlicht gearbeitet. Wie bist du vorgegangen?

Ich habe mit den Nikon Blitzgeräten Speedlight SB-28DX und SB-700 gearbeitet, letzteres in Kombination mit einem Diffusor, genauer gesagt einer 40x40cm großen Softbox. Die Blitze habe ich entfesselt über einen Receiver angesteuert, also kabellos, da ist man schön flexibel und kann den Blitz optimal zum Motiv positionieren. Blitzen war übrigens teilweise auch bei Tags nötig. Etwa bei den Schlangen, die sich auf dem Boden bewegen. Dort kommen nämlich nur etwa 2 % des Sonnenlichts an.

Erschrecken die Tiere nicht durch den Blitz?

Nein, vermutlich weil es in diesem Gebieten ja ohnehin ständig gewittert.

Was uns zu den klimatischen Herausforderungen der Tropen bringt – auch mit Blick auf das Equipment ...

Die Bedingungen sind wirklich brutal. Extrem hohe Luftfeuchte, Schlamm, ständig Regen. Mein Equipment muss das abkönnen, und die Nikon D850 kann solche Verhältnisse erstaunlich gut händeln. Trotz der harschen Einsätze musste ich am Ende nur ein paar Schrauben austauschen lassen. Wirklich beeindruckend, was die abkann! Die Verlässlichkeit ist – neben der durchdachten Bedienstruktur und der Bildqualität – der wesentliche Grund, warum ich nie ernsthaft über einen Wechsel zu einem anderen Kamerasystem nachgedacht habe.

D850 | 90mm | 1/50s | f/11 | ISO 160

Welche Objektive hast du in Peru eingesetzt?

Mein Hauptobjektiv bei Wildlife-Aufnahmen ist das AF-S NIKKOR 500 mm 1:4G ED VR. Für mich ist das die ideale Brennweite – stark genug, um entfernte Motive formatfüllend heranzuholen, gleichzeitig aber auch nicht zu groß und schwer, eine hohe Abbildungsqualität und dazu noch ziemlich lichtstark, was ja bei Aufnahmen im dichten Unterholz wichtig ist. Für Motive, an die ich näher heran kann, nutze ich das AF-S VR Micro-Nikkor 105 mm 1:2,8G IF-ED. Ein tolles Objektiv, gerade im Nahbereich.

Noch einmal zurück zu den Schlangen. Die Aufnahmen wirken besonders imposant, weil sie erstens auf Augenhöhe entstanden sind und zweitens offensichtlich aus nächster Nähe. War das nicht gefährlich?

Nicht, wenn man das Verhalten der Tiere kennt. Wir haben ja nicht nur fotografiert, sondern im Rahmen einer Studie auch wissenschaftliche Daten gesammelt, z. B. die Tiere vermessen. Dadurch kann man dann auf persönlicher Ebene einschätzen, wie das Gemüt dieses Individuums ist.

D850 | 90mm | 1/160s | f/11 | ISO 200

Neben der D850 nutzt du auch die Z 7. In welchen Situationen?

Die Z 7 setze ich vor allem fürs Filmen ein. Bewegtbilder gehören für meine Kunden, inzwischen mit zum Standardpaket eines Auftrags und – ich produziere regelmäßig ganze Stories, unter anderem für den Online-Auftritt der ZDF-Sendung Terra X. Für Filmaufnahmen ist die Z 7 einfach genial – schon wegen des tollen Viewfinders, des effizienten Bildstabilisators und des guten Handlings.

D850 | 16mm | 1/160s | f/11 | ISO 250

Zum Beispiel die kunterbunte Korallenotter: Das ist zwar eine hochgiftige Schlange, aber erstens bekommt sie ihr Maul nicht besonders weit auf und zweitens hatten wir schon während der Datenerhebung beobachten können, dass sie sehr entspannt war. In so einem Fall kann man sich auch auf den Boden legen und sich ihr mit dem Fischauge nähern, um hautnahe Porträts zu schießen. Ähnliches gilt für die brasilianische Wanderspinne. Die ist handtellergroß und eine der giftigsten Spinnen der Welt – ihr Biss kann einen Menschen töten. Sie sind aber nicht aggressiv und bleiben ruhig, wenn sie sich nicht bedroht fühlen. So konnte ich auch Detailaufnahmen von dem Doppelauge und der Mundpartie machen – und diese dank der hohen Auflösung der Nikon D850 zusätzlich stark croppen.

D850 | 500mm | 1/1600s | f/4 | ISO 400

Was ist dein Lieblingsbild?

Das Gruppenporträt von den Riesenottern. Diese Otter-Art ist die größte der Welt und ziemlich selten. Ich hatte sie zwar schon öfter beobachten können, bislang aber nur aus der Ferne, denn sie sind ziemlich scheu. Jetzt ein formatfüllendes Bild im Kasten zu haben, bei denen man ihren Blick gut erkennt, der auf uns Menschen immer ein wenig spöttisch wirkt, war ein toller Moment.

Uns war unter anderem dein Faultier-Porträt aufgefallen, dem du offensichtlich relativ nah gekommen bist. Deshalb die Frage: Wie riechen diese zotteligen Wesen?

(lacht) In einem Wort: muffig. Das liegt unter anderem daran, dass in ihrem Fell Motten leben. Deren Kot ist der Dünger für Algen, die dann auf dem Fell wachsen und den Tieren Tarnung geben.

Abschließend die Frage: Was kann jede/r Einzelne von uns gegen das Artensterben tun?

Eine ganze Menge, und das ist auch gar nicht mit größeren Anstrengungen verbunden. Viel ist schon gewonnen, wenn man beim Besuch im Supermarkt möglichst keine verarbeiteten Lebensmittel kauft, denn die enthalten oft Fette bzw. Öle aus Palmen und anderen Pflanzen, für deren Anbau Primärwald gerodet wird. Und wer Fleisch, insbesondere Rindfleisch, isst, sollte zur Bio-Variante greifen und sicherstellen, dass die Tiere kein Mastfutter aus den Tropen erhalten. Nicht zuletzt kann man klimaneutral reisen. Etwa indem man auf der Website von Wilderness International einfach den CO2-Abdruck seiner Fernreisen individuell berechnet und durch den Schutz von Urwaldflächen ausgleicht.

D850 | 400mm | 1/250s | f/5.6 | ISO 1000

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