"NO MAN'S LAND" – FOTOKUNST VON ROBERT BÖSCH

Mittwoch, 18. November 2020

Robert Bösch, Jahrgang 1954, war früher Bergführer, aber arbeitet seit über 30 Jahren als freischaffender Fotograf. Er war für Kunden aus Werbung, Industrie und Tourismus tätig und arbeitete für Medien wie Geo, Stern und National Geographic. In den letzten Jahren realisierte er vor allem Projekte im Fotokunst-Bereich. Der studierte Geograf und Nikon-Ambassador begleitete viele Unternehmungen des Extrembergsteigers Ueli Steck und hat selbst den Mount Everest bestiegen. Bösch hat zahlreiche Bildbände veröffentlicht. Mit uns sprach er über sein jüngstes Buch „No Man’s Land“ – die fotografische Quintessenz der letzten Jahre mit Bildern, die auf der ganzen Welt sowie vor seiner Schweizer Haustür entstanden sind.

Robert, gleich zu Anfang ein Zitat: „No Man’s Land“, schreibst du im Vorwort zum Buch „handelt von der Welt der Wüsten, der Stierkämpfer, der Fischer, der Füchse, der Elefanten, der Vögel, der Großstädte, der Straßen, der Berge, der Meere, der Wolken.“ Eine buchstäblich weltumspannende Themensetzung …

Das stimmt, und darin unterscheidet sich das Buch auch von den anderen 15, die ich zuvor gemacht habe. In denen ging es ganz überwiegend um Bergwelten, oft in Kombination mit Extremsport.

„No Man’s Land“: Warum dieser Titel?

Für mich ist es ein mystischer, verheißungsvoller Begriff – und er erinnert mich an eine Freeclimbing-Route, die ich vor mehr als 30 Jahren geklettert bin – eine leicht überhängende, glatte Felskante am äußersten Rand einer mächtigen Felswand im Luberon in der Provence. Der Name der Route hat mich ein Leben lang begleitet: No Man’s Land.

Damit sind wir bei deinen Wurzeln. Gestartet bist du als Alpinist und Bergführer, dann autodidaktisch in die Fotografie gewechselt, wo du dich auf die Berg- und Action-Fotografie spezialisiert hast.

Genau. Wobei Berge in „No Man’s Land“, wie gesagt, nur eine Nebenrolle spielen. Ich wollte weiterziehen, andere Motivwelten erschließen.

Die Bilder im Buch sind überwiegend kontemplativer Natur. Sie kommen leise daher, entfalten ihre Magie oft erst auf den zweiten Blick. Ein maximaler Kontrast zu deinen bisherigen Action-Bildern, für die du bekannt bist, oder?

No Man's Land: Till Schaap Edition mit Texten von Robert Bösch und Angelika Affentranger-Kirchrath, Texte D/E, 29,5 x32 cm, 208 Seiten, CHF 130.-, erhältlich im Buchhandel sowie in der Schweiz direkt auf www.robertboesch.ch.

Das empfinde ich nicht so. Mir ging es in meinen Büchern nicht in erster Linie um Action-Fotografie in den Bergen, sondern darum, Bilder zu machen, die Kraft und eine Wirkung haben. Das galt insbesondere auch bei meinem letzten Buch „Mountains“ und das setze ich jetzt mit dem aktuellen Buch auf andere Weise fort.

Wie bist du vorgegangen?

Ich habe mich, wenn man so will, überraschen lassen. Auf meinen Reisen durch die Welt – ich war unter anderem in Namibia, Kenia, dem Jemen, im Himalaya, Israel, Dubai, Spanien und Frankreich – wie auf meinen Wanderungen vor meiner Haustür im Ägerital hatte ich oft den Drang, immer weiterzuziehen. Es war wie auf einer Safari. Hinter jedem Hügel, jedem Busch erhofft man ein Motiv. Dann guckst du dahinter und siehst: nichts. Aber dann tauchen plötzlich Motive auf, wo man sie gar nicht erwartet hatte.

Z 7 | 300mm | 1/2000s | f/18 | ISO 160

Erkennst du sofort, ob da ein Bild lauert?

Nein, manches erkenne ich auf den ersten Blick gar nicht, sondern erst durch die aktive Auseinandersetzung zwischen mir, der Kamera und dem, was ein Motiv sein könnte. Ins Auge springende Bilder wie Sonnenaufgänge, Wasserfälle im letzten Sonnenlicht interessieren mich ohnehin nicht mehr so sehr. Alles lässt sich per Nachbearbeitung überhöhen, wenn das Licht nicht optimal ist und die Natur wieder einmal dem motivischen Anspruch hinterherhinkt. Ich liebe es, Sonnenuntergänge zu beobachten; für mich als Fotograf sind sie aber eher uninteressant geworden. Ich suche Bilder, die sich verstecken.

Ein schöner Satz. Dennoch können wir bei einigen Bildern kaum glauben, dass du die Location nicht vorher gescoutet hast – etwa bei dem Berg, der über der endlosen namibischen Wüste zu schweben scheint.

Fakt ist: Ich scoute meine Locations nie. Ich lasse die Dinge auf mich zukommen, das habe ich auch bei kommerziellen Auftragsarbeiten so gemacht. Es hat immer funktioniert. Das braucht natürlich Erfahrung, aber macht die Fotografie ergebnisoffener, spannender. Das gilt auch für den Aufnahmezeitpunkt: Wenn man sich von dem Dogma löst, Landschaften zur blauen oder goldenen Stunde fotografieren zu müssen, hat das etwas Befreiendes. Außerdem kann man länger ausschlafen – und man sitzt abends früher beim Bier (lacht).

Ein anderes Dogma reißt du auch immer wieder mal: die Schärfe. Einige deiner Bilder wirken dadurch geradezu analog, andere sind auf malerische Weise unscharf.

Das stimmt. Es gibt dieses Bild von dem Blutmond, das habe ich bewusst mit einem 400er-Objektiv aus der Hand fotografiert, weil ich wusste, dass ich auf jeden Fall leicht verwackle. Ich wollte den Mond nicht gestochen scharf, es wäre sonst einfach ein astronomisches Bild geworden.

Wenn man ohnehin Artefakte sucht, braucht es dann zwingend eine Profi-Kamera?

Aus meiner Sicht auf jeden Fall. Die Entscheidung, das Magische in der Imperfektion zu suchen – etwa durch Unschärfe – ist ja eine bewusste. Andere Motive will ich hingegen gestochen scharf abbilden und mit möglichst großem Dynamikumfang. Hinzu kommt: Inzwischen erwirtschafte ich einen Gutteil meines Einkommens durch den Verkauf großformatiger Prints, eine wirklich gute Kamera ist da die Grundvoraussetzung.

Du bist Nikon-Ambassador, fotografierst schon immer mit Nikon. Warum?

Um ehrlich zu sein: Ich habe nie eine Notwendigkeit verspürt, etwas anderes auszuprobieren. Ich bin fotografisch da, wo ich sein will, und das hat auch damit zu tun, dass die Bildqualität und das Handling meines Equipments stimmen.

Du fotografierst hauptsächlich mit der D850 und der Z 7. Wann setzt du welches System ein?

Die D850 – und natürlich auch die D5 – nutze ich immer dann, wenn es hektisch zu- und hergeht – schon weil ich einfach seit Jahren jeden Knopf aus dem Effeff kenne. Die Z 7 schätze ich inzwischen aber auch sehr. Sie ist kompakter und handlicher, bietet aber eine hervorragende Abbildungsleistung. Also die klassische Immer-dabei-Kamera – und das wird für meine Art der Fotografie zunehmend wichtiger.

Welche Objektive nutzt du?

Ich besitze praktisch die komplette Palette. Auf meinen Reisen mit der Z 7 habe ich ganz überwiegend das NIKKOR Z 24-70 mm 1:4 S genutzt und hatte zusätzlich ein AF-S NIKKOR 300 mm 1:4E PF ED VR dabei, das ich über den FTZ-Bajonettadapter angeschlossen habe. Dank der Kombination des Bildstabilisators von Kamera und Objektiv funktionieren auch Freihand-Aufnahmen sehr gut.

Z 7 | 300mm | 1/320s | f/4.5 | ISO 160

„ICH SUCHE BILDER,
DIE SICH VERSTECKEN.“

Wieviel Bildgestaltung bzw. Look-Gebung passiert bei dir in der Postproduktion?

Wenig. Aber ich fotografiere in RAW und deshalb mache ich etwas an der Gradationskurve und schärfe nach. Croppen ist für mich tabu, immer schon. Das war und ist die Leitplanke, an der ich mich orientiere, sonst wird das mit der Bildbearbeitung schnell uferlos. Etwas anderes ist es bei den Schwarzweiß-Aufnahmen. Das ist natürlich eine Veränderung der Realität.

Thema Büchermachen: Wie lange hast du an „No Man’s land“ editiert?

Sehr lange. Irgendwann hatte ich alle Bilder, die vielleicht infrage kommen könnten in einem Ordner, das waren so um die 500 Stück. Dann habe ich gesiebt und gesiebt, bis es 150 und schließlich 120 waren. Das ist eine sehr spannende Arbeit – zwischen Begeisterung und Verzweifeln. Das grobe Layout, also die Abfolge, die Größe und Positionierung der Bilder, habe ich am Bildschirm gemacht und mich dabei immer wieder mit dem Grafiker ausgetauscht. Irgendwann hat man dann das Gefühl: Jetzt ist es fertig, jetzt passt es.

Z 7 | 300mm | 1/1250s | f/7.1 | ISO 200

Was ist das für ein Gefühl?

Ein großartiges. Büchermachen ist das, was ich am liebsten tue. Keines meiner Bücher war ein „Best Of“, ich habe immer explizit zu einem Thema fotografiert. Der ganze Schaffensprozess ist toll, aber wenn es dann endlich auf Papier gedruckt daliegt, ist das einfach nur Wahnsinn. Es ist anders als bei einer Bilderstrecke in einem Magazin, welche ein paar Wochen hält. Du denkst: Das hat buchstäblich Gewicht, das hält in alle Ewigkeit und wird die Welt verändern (lacht).

Abschließend: Wie würdest du den Prozess des Fotografierens seinem Wesen nach beschreiben – und welchen Tipp hast du für Menschen, die sich fotografisch weiterentwickeln möchten?

Fotografieren heißt, einen Ausschnitt und einen Moment aus der Welt bestimmen, das Prinzip dahinter lautet: Weglassen. Erst dadurch entsteht das Bild. Hinzu kommt: Die Welt ist dreidimensional; indem du sie fotografierst, machst du sie zweidimensional. Für diesen Transformationsprozess den richtigen Blick zu bekommen, ist eine Herausforderung – hundertprozentig in den Griff bekommt man das nie. Ich habe mir das Fotografieren autodidaktisch beigebracht und lange gebraucht, bis ich gut war – auch indem ich immer wieder etwas ausprobiert habe. Mein Tipp lautet also: Dranbleiben. Und: Mit dem „Bauch“ fotografieren, also nicht zu theoretisch an den Bildaufbau herangehen.

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