Dienstag, 28. August 2018

Starke Frauen: Eindrücke einer Reportagefotografin aus Israel und Palästina

Wir haben gemeinsam mit unserem Partner Edition F drei Fotografinnen gebeten, ganz persönliche Fotoprojekte umzusetzen. Die Fotografin Andrea Lavezzaro war dafür in Israel und den Palästinensergebieten und hat dort Momente des Alltags eingefangen. Wir zeigen ihre Bilder im zweiten Teil unserer Serie.

Drei Fotografinnen, drei Bildwelten

Nah oder direkt, distanziert oder voyeuristisch, spontan oder inszeniert, analog oder digital, in Farbe oder Schwarzweiß – Fotografie kommt in ganz unterschiedlichen Erscheinungsformen daher. Und sie macht es möglich, sowohl Momente des realen Lebens einzufangen und festzuhalten als auch ganz neue, selbst komponierte Bildwelten zu erschaffen. Das macht sie spannend und vielseitig.

Die Frau(en) hinter der Kamera

Andrea Lavezzaro findet ihre Motive vor allem auf der Straße: Die aus Brasilien stammende Berliner Fotografin ist fasziniert davon, was es im alltäglichen Leben von Menschen zu entdecken gibt, und interpretiert in ihren Arbeiten deshalb Szenen und Augenblicke des menschlichen Alltags im öffentlichen Raum.

Gemeinsam mit unserem Partner Edition F haben wir die drei Fotografinnen Andrea Lavezzaro, Cathleen Wolf und Theresa Kaindl mit einem umfangreichen Kameraequipment, inklusive dem der Nikon D850, ausgestattet und die drei jeweils ein Fotoprojekt entwickeln und umsetzen lassen – komplett frei, ohne jegliche Vorgaben. Andrea machte sich für ihr Projekt auf, Israel und die Palästinensergebiete zu entdecken und dort Momente des ganz normalen Lebens der Menschen fotografisch festzuhalten. Wir haben mit ihr über ihre Aufnahmen und ihre Reise gesprochen und zeigen die entstandenen Bilder.

Wie bist du zur Fotografie gekommen?

„Mein Vater hat mir schon als kleines Kind das Zeichnen beigebracht und er wiederum hat es von seinem Vater gelernt. Eine künstlerische Veranlagung hat also eine gewisse Tradition in meiner Familie. Deshalb habe ich später angefangen, Modedesign zu studieren. Es stellte sich aber relativ schnell heraus, dass mich die Modewelt weniger interessierte und ehrlich gesagt auch mein Talent als Zeichnerin überschaubar war. Mich interessierten aber Bilder, also fing ich an, mit der Kamera eines Freundes herumzuexperimentieren, wodurch die Kamera dann zu meinem Werkzeug wurde.“


Und heute? Wo würdest du dich mittlerweile als Fotografin verorten?

„Die meisten meiner Werke sind nicht singuläre Bilder, sondern Fotoserien, die sich einem ganz bestimmten Thema widmen. Viele, aber nicht alle meiner Serien lassen sich der Street Photography zuordnen – obwohl ich diese Kategorisierung so nicht vornehmen würde. Labels schränken ein. Deshalb versuche ich, mich so frei wie möglich davon zu machen.“


Was ist die Idee hinter der Fotoserie, die du mit der Kamera von Nikon umgesetzt hast?

„Die Serie entstand in Israel und Palästina. Eine Art roter Faden, der sich durch die Bilder der Serie zieht, ist die Verortung im Nahen Osten. Dieser Fokus entwickelte sich übrigens erst im Laufe meines Aufenthalts. Ich gehe nie mit einem fest definierten Konzept in ein fremdes Land, sondern lasse mich vor Ort inspirieren und setze dann Schwerpunkte. Dabei geht es fast nie um die üblichen Sehenswürdigkeiten, sondern um das wirkliche Leben vor Ort – und so war es auch in Israel und Palästina.“



Was verbindet dich mit Israel? Warum hast du dich dafür entschieden, die Bilder dort umzusetzen?

„Ich hatte schon einige andere Länder im Nahen Osten bereist und wollte nun unbedingt einen Blick in das einzige nicht-muslimische Land in der Region werfen. Israel, jüdisches Leben und insbesondere das orthodoxe Judentum haben mich aber auch schon vorher interessiert. Ich war schon oft im Stadtteil Stamford Hill in London unterwegs, wo viele Juden leben. Der Mikrokosmos dort fasziniert mich jedes Mal wieder, aber die Leute wollen nur sehr ungern fotografiert werden. Das war ein Grund mehr, es in Israel zu versuchen.“

Hattest du für die Bilderstrecke eine bestimmte Bildidee im Kopf?

„Zu Beginn hatte ich keine feste Strecke im Kopf. Aber nachdem ich die ersten Aufnahmen gemacht hatte, kristallisierte sich eine gewisse Bildsprache und auch ein Thema heraus. Ich wusste übrigens von Beginn an, dass ich bestimmte Bilder nicht machen wollte.“

Was für Bilder wolltest du nicht machen?

„Ich formuliere es mal so: Wenn ich in Paris bin, will ich nicht den Eiffelturm fotografieren. Ich glaube, es gibt inzwischen eine Flut sich ähnelnder Bilder, was vor allem an Handkameras liegt. Deshalb versuche ich der Versuchung zu widerstehen, den nächsten Sonnenuntergang zu fotografieren.“

Nach was für Momenten hast du für deine Fotos stattdessen gesucht?

„Ich inszeniere keine Motive. Und ich versuche auch nicht, aktiv bestimmte Locations für ein bestimmtes Motiv zu besuchen, denn für mich geht es beim Fotografieren nicht um Postkartenromantik oder Hochglanzfotografie. In meinen Fotos geht es um Momente, die im normalen Leben normaler Leute einfach passieren. Hier werden aus meiner Sicht die viel spannenderen Geschichten erzählt. Deswegen habe ich auch die Augenblicke für die Fotos nicht gesucht, ich war nur anwesend und habe sie mit meiner Kamera festgehalten und interpretiert.“

Und wie erkennst du die richtigen Momente für ein gutes Foto?

„Ich bewege mich recht schnell durch einzelne Motivgelegenheiten und glaube, mit der Zeit besser im Erkennen guter Möglichkeiten geworden zu sein. Wenn der Moment aber vorbei ist, ist er vorbei und ich versuche auch nicht, ihn künstlich wiederherzustellen. Bin ich mir sicher, dass sich gleich eine gute Szene ergeben wird, schieße ich aber trotzdem nicht hunderte Fotos, sondern versuche, mich auf die wenigen, wahrscheinlich besten Momente zu konzentrieren.“

Wenn man es nicht weiß, kann man bei nur sehr wenigen Bildern der Serie mit Sicherheit sagen, welches Bild in Israel und welches in den Palästinensergebieten entstanden ist. Ist das ein Statement?

„Ich habe nur vier Tage dort verbracht, ich habe also nur an der Oberfläche gekratzt. Aber in dem Moment, wo man die Grenze überquert, ist es offensichtlich, dass es zwei völlig verschiedene Welten sind. Natürlich habe ich eine Meinung zu dem Konflikt, aber ich wünsche mir, dass meine Bilder als eine Art Tagebuch dessen gesehen werden, was ich dort erlebt habe. Der Betrachter soll sich selbst Gedanken machen – ob er nun meiner Meinung ist oder nicht.“


Was hast du während deiner Reise und durch das Fotografieren der Menschen dort über sie und die Region gelernt?

„Ich habe in Berlin schon viele Israelis getroffen und mir Israel deshalb auch sehr europäisch vorgestellt. In Wirklichkeit ist es aber viel arabischer, als ich dachte. Allein deshalb lohnt sich der Besuch schon. Was mir auch auffiel, waren die vielen Waffen.

Ich bin in Brasilien aufgewachsen, mit Reisen nach Rio de Janeiro während einer Zeit der Straßenkriege zwischen den Drogenkartellen und der Polizei, und war vor zwei Jahren im Osten Libanons an der Grenze zu Syrien, aber die Militärpräsenz in Israel habe ich als noch stärker empfunden.“

Hast du noch einen Tipp für uns: Auf was sollten wir bei unseren nächsten Reiseschnappschüssen auf jeden Fall achten?

„Ich gebe auch Workshops und dort erlebe ich immer wieder, dass ich nach bestimmten Techniken gefragt werde. Dabei vergessen viele, dass es oft vielmehr um die eigene Kreativität geht. Selbst wenn es also nur ein Schnappschuss werden soll: Versucht Fotos von Dingen zu machen, die euch persönlich berühren! So entwickelt ihr euren eigenen, individuellen Stil.“

Jetzt weitere Artikel aus der Serie entdecken:

 
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