KEINE FRAGE, ICH WECHSELE ZUM NIKON Z-SYSTEM

Montag, 09. September 2019

Der vielfach prämierte Hochzeitsfotograf und Nikon Ambassador Ross Harvey über seine ersten Erfahrungen mit dem spiegellosen Nikon Z Kamerasystem.

Ross, du hast vor kurzem in einem Kastell in Umbrien deine erste Hochzeit mit der Z 7 und der Z 6 fotografiert. Wie war’s?

Großartig! Im Mittelpunkt standen Angi and Drew, ein Schauspielerpaar, das extra von New York eingeflogen ist, um im Castello Borgia in Perugia Hochzeit zu feiern: Empfang im Außenbereich, romantische Bilder vor dem Sonnenuntergang, Party, und doch alles sehr intim und exklusiv, rund 30 Gäste vielleicht. Ich hatte die Z 7 vorher bereits für ein Street-Photography-Shooting in der Hand, da ging es aber vorrangig um einen Praxistest des NIKKOR Z 35 mm 1:1,8 S. In Italien stand hingegen eine echte Produktion auf dem Programm - mit einem neuen Kameratyp. Trotzdem musste alles sitzen: Bei Highend-Hochzeiten, die sind inzwischen mein Business, sind suboptimale Bilder oder gar Ausfälle ein absolutes NoGo.

Warst du nervös?

Ein wenig schon. Für alle Fälle hatte ich die Nikon D750 als Backup dabei. Nach kurzer Zeit war aber klar, dass ich mir keine Gedanken machen brauchte. Die D750 kam schlussendlich erst spät am Abend zum Einsatz, als die Tanzparty losging, weil ich mit einem lichtstarken Zoom fotografieren wollte und das NIKKOR Z 24-70 mm 1:2.8 S noch nicht zur Verfügung stand und ich hatte dummerweise meinen FTZ-Adapter vergessen.

Dein erster Eindruck von der Z 7 und der Z 6?

Fantastisch! Ich arbeite ja inzwischen schon länger mit der D750, die ein wirklich geniales Arbeitsgerät ist und meine Erwartungen waren entsprechend hoch. Die Z 7 und die Z 6 haben diesen in allen Bereichen standgehalten und zum Teil sogar getoppt.

Was hat dich besonders beeindruckt?

Der Autofokus. Angesichts des hohen Standards, den die D750 bietet, war ich zunächst skeptisch, meine Bedenken haben sich aber schon während meiner Street-Photography-Aufnahmen zerstreut. Der neue AF ist einfach der Hammer, nicht zuletzt in Kombination mit der schnellen Bildfolge von 12 Bildern pro Sekunde bei der Z 6. Positiv überrascht war ich auch von der Akkudauer. Auf dem Papier reicht die Akkuleistung der Z 6 für 700 Aufnahmen, ich habe mit einer Ladung aber mehr als 1.800 Fotos gemacht und bin mit zwei Akkus durch den Tag gekommen.

Wie findest du das Handling?

Die Kameras und die zugehörigen Objektive sind leichter und kompakter, was mir entgegenkommt, weil ich ja vorwiegend international arbeite und entsprechend viel reise. Und wenn du auf einer Hochzeit 14 oder 15 Stunden am Stück shootest, ist natürlich jedes eingesparte Gramm von Vorteil. Der Kamerabody ist sehr griffig, die ausgeprägte Griffmulde gefällt mir sehr gut, die Größe des Bodys ist wie gemacht für meine Hände, und mit angesetztem Objektiv ist er perfekt ausbalanciert. Ein Fortschritt gegenüber der D750 ist aus meiner Sicht auch die Tatsache, dass die Kameras der Z-Serie drei statt zwei User-Modi haben. Dadurch kann ich in verschiedenen Aufnahmesituationen schnell zwischen alternativen Einstellungen hin- und verwechseln. Und dann ist da natürlich noch der Silent Shutter. Die Möglichkeit völlig lautlos auslösen zu können, schätze ich sehr, nicht nur in intimen Situationen wie bei der Ringübergabe. Bei der Hochzeit in Italien habe ich zum Beispiel viele reportageartige Bilder von den Gästen gemacht. Ich bin nah an die Leute herangegangen und hatte die Kamera dabei vor der Brust. Bildausschnitt und Fokuspunkt habe ich dann über das Display kontrolliert und abgedrückt, ohne dass die Leute etwas gemerkt haben. Das bringt dich näher ran an die Aktion und führt zu authentischeren Bildern.

Wie wichtig ist für dich in diesem Zusammenhang der „What you see is what you get"-Effekt, also die Tatsache, dass man bei spiegellosen Kameras in Echtzeit sieht, wie sich unterschiedliche Kameraeinstellungen auf das Bild auswirken?

Ganz ehrlich? Ich hatte erwartet, dass mich das nicht weiter interessiert. Es kam anders. Ich arbeite meist mit Blendenvorwahl in Kombination mit der Auto-ISO-Funktion. Die Möglichkeit, die sich verändernde Bildhelligkeit nach einer Belichtungskorrektur unmittelbar am Display oder im Sucher zu sehen, möchte ich nach diesem Shooting-Wochenende nicht mehr missen.

Die ISO-Automatik lässt die Empfindlichkeit bei schlechten Lichtverhältnissen nach oben schnellen. Auf welchen Maximalwert hast du die Auto-ISO begrenzt?

Bei der Z 7 auf ISO 3200, bei der Z6, die ja dank ihres größeren Pixel-Pitchs noch weniger zum Rauschen neigt, auf ISO 12.800.

ISO 12.800?

Das ist natürlich der Extremfall. Ich habe noch nicht alle Bilder editiert, aber jetzt schon ein, zwei gesehen, die ich trotz dieses hohen ISO-Werts bedenkenlos in die Auswahl integrieren kann, die ich dem Brautpaar zur Verfügung stelle.

Deine Einschätzung zum integrierten Bildstabilisator - immerhin der erste in einer Nikon Systemkamera?

Der arbeitet extrem effektiv, das habe ich schon vor der Hochzeit beobachten können, als ich vom Burgdach aus Bäume in der Ferne über den Sucher anvisiert habe.


Apropos Sucher: Wie hast du das Arbeiten damit empfunden?

Ich komme ja vom optischen Sucher einer DSLR, würde nach dem Shooting in Perugia aber sagen, dass ich mit beiden gleichermaßen gut arbeiten kann. Zumal der elektronische Sucher der Z-Serie mit 3,7 Mio. Pixeln ja sehr fein auflöst, eine schnelle Bildwiederholrate hat und mit 0,8-facher Vergrößerung ein ziemlich großes Bild liefert.

Stichwort Bedienung: Ist dir die Umstellung auf die „Z“ schwergefallen?

Überhaupt nicht. Ich hatte vorher nur wenig Zeit, um mich mit der Bedienung auseinanderzusetzen. Das Interface, die Settings und Menüs sind praktisch mit denen der DSLR-Profimodelle identisch – abgesehen von den spezifischen Zusatzeinstellungen, die die Z 6 und Z 7 bieten.

Warum hattest du eigentlich beide Kameras im Einsatz?

Weil beide Kameras aufgrund ihres unterschiedlichen Sensors unterschiedliche Stärken haben. Die Z 6 liefert, wie bereits gesagt, die rauschärmeren Bilder bei hohen ISO-Zahlen. Außerdem ist sie aufgrund der geringeren Datenmengen, die sie verarbeiten muss, schneller – also für den Reportagestil, der in meiner Hochzeitsfotografie eine wichtige Rolle spielt, besonders gut geeignet. Bei Porträtaufnahmen habe ich hingegen bewusst die Z 7 eingesetzt – 46 Mio. Pixel liefern da doch eine schöne Auflösungsreserve, auch für eventuelle Crops.

Mit welchen Objektiven hast du fotografiert?

Ganz überwiegend mit dem NIKKOR Z 35 mm 1:1,8 S, das ist mein absoluter Favorit. Das NIKKOR Z 50 mm 1:1, 8 S habe ich vergleichsweise wenig genutzt, deshalb kann ich noch kein definitives Urteil abgeben. Was ich aber schon sagen kann: Es ist sehr scharf, hat ein wirklich schönes Bokeh und eignet sich bestens für Porträts.

Du fotografierst vorzugsweise mit Festbrennweiten. Welche Philosophie steckt dahinter?

Es geht mir darum, das Bild ‚on the fly‘ zu gestalten – mich also zum Setting zu bewegen und die Entscheidung über die Entfernung zum Geschehen und die Bildkomposition bewusst zu treffen. Aber natürlich werde ich mir auch das NIKKOR Z 24-70 mm 1:2,8 S zulegen, jetzt, wo es verfügbar ist – vor allem mit Blick auf die Aufnahmen bei der Tanzparty.

Das heißt, du wechselst zum Z-System?

Auf jeden Fall!

Von der Technik zur Hochzeitsfotografie an sich. Magst du den Job nach all den Jahren immer noch - trotz der vielen Reisen?

Ich liebe das Reisen, und ja, ich liebe auch meinen Job immer noch. Ich habe mich, glaube ich, qualitativ in den letzten Jahren nochmal gesteigert und das über mein Portfolio gezielt kommuniziert. Dadurch habe ich mich im internationalen Highend- und Destination-Geschäft etablieren können - was mir die Möglichkeit gibt, die Zahl der Hochzeiten, die ich covere, zurückzufahren. Inzwischen mache ich nur noch rund zwölf Hochzeiten pro Jahr, früher waren es doppelt so viel oder mehr. Das stellt sicher, dass ich weiterhin mit Feuer und Flamme dabei bin. Außerdem habe ich so mehr Zeit für das Editing und die Postproduktion - ein wichtiger Teil meiner Arbeit.

Wodurch bist du konkret besser geworden?

Ich glaube, es ist so: Ich versuche immer noch, stetig etwas Neues auszuprobieren, nicht stehen zu bleiben, mich zu verändern. Aber ich versuche nicht mehr auf Teufel komm heraus, irgendetwas Cooles, Ungesehenes zu machen. Ich bin, wenn man so will, klassischer geworden, zielgerichteter meinen eigenen Überzeugungen und Bildern folgend. Außerdem bin ich, glaube ich, gut darin, das Beste aus den Leuten herauszuholen, wie auch aus mir selbst: Nach einem 16-Stunden-Tag, zwei Stunden zu schlafen und wieder dieselbe Leistung zu bringen, verlangt einem schon einiges ab. Vor allem, wenn irgendetwas organisatorisch anders läuft als geplant und du auf einmal statt 30 nur 5 Minuten hast für eine entscheidende Szene und es keine Chance auf Wiederholung gibt. Dass ich mich früher im Studium mit Philosophie und Psychologie auseinandergesetzt habe, hilft mir dabei definitiv.

Abschließend: Was würdest du einem Nachwuchsfotografen raten, der dich um Tipps in Sachen kreative Fotografie bittet?

Lerne deine Kamera und deine Settings in- und auswendig kennen! Erkenne deine Stärken und Schwächen und arbeite an bzw. mit ihnen! Erst dann kannst du deine Vision intuitiv umsetzen, wie ein Gitarrist, der beim solieren nicht mehr nachdenkt, über das, was er tut.

Ross Harvey

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