DIE FOTOGRAFIE IN DER ZAHNMEDIZIN – DR. ALESSANDRO DEVIGUS IM INTERVIEW

Mittwoch, 05. August 2020

Der Schweizer Zahnarzt Dr. Alessandro Devigus über dokumentarische, diagnostische und künstlerische Zahnfotografie, die richtige Aufnahmetechnik und die Frage, warum er am liebsten mit der spiegellosen Nikon Z 7 und dem Makro-Objektiv AF-S VR Micro-NIKKOR 105 mm 1:2,8G IF-ED fotografiert.

Herr Dr. Devigus, zumindest Nicht-Zahnärzte werden sich fragen: Warum in aller Welt überhaupt Zähne fotografieren?

Aus zahnärztlicher Sicht gibt es eine Reihe von Gründen. In den Praxen sind die visuelle Diagnostik und Dokumentation zur Beurteilung von Veränderungen über die Zeit wichtig. Aber auch mit Blick auf versicherungstechnische oder juristische Fragen ist das fotografische Erfassen des Ist-Zustands von Bedeutung – etwa, wenn ich als Zahnarzt nachweisen will, welche Eingriffe ich vorgenommen habe. Wir waren davon ausgegangen, dass das Röntgenbild das Mittel der Wahl ist. Mit Röntgenbildern kann man Strukturen sichtbar machen, die man mit der Kamera nicht erfassen kann, gehen aber immer mit einer gewissen Strahlenbelastung einher. Außerdem lassen sich bestimmte optische Merkmale nur mit einer Kamera festhalten. Kurz: Die Fotografie ist nach dem Röntgenbild das zweite wichtige, bildgebende Verfahren in der Zahnmedizin. Daneben setzen Zahnärzte die Kamera aber auch für die Selbstevaluation und für kommunikative Zwecke ein – etwa für die Erstellung von Image-Broschüren, in denen man den Patienten dann anhand eines Fotos erklären kann, wie z. B. ein Zahnersatz aussieht.

Wie müssen wir uns die dentale Fotografie in der Praxis vorstellen?

Um einen guten Blick auf die Zähne zu erhalten, werden meist sogenannte Wangenhalter eingesetzt, die die Lippen abhalten. Grundsätzlich gesagt, bewegt man sich als Dentalfotograf meist im Genre der Makrofotografie. Beim Fotografieren von Zähnen kommen also überwiegend Makro-Objektive zum Einsatz – wobei nicht alle Brennweiten funktionieren. 100 mm oder mehr haben sich als ideal erwiesen. Bei zu kurzen Brennweiten – etwa einem 60-mm-Objektiv – kommt es zu perspektivischen Verzerrungen. Außerdem ist man dann bis auf wenige Zentimeter am Patienten dran, was auf den ein oder anderen angsteinflößend wirkt. Ich fotografiere meistens mit dem AF-S VR Micro-NIKKOR 105 mm 1:2,8G IF-ED, alternativ mit dem AF-S DX Micro NIKKOR 85 mm 1:3,5G ED VR, dann allerdings im DX-, also dem Crop-Modus, der nur einen APS-C großen Bereich des Sensors nutzt. Beide Objektive lassen sich über den FTZ-Adapter problemlos an den spiegellosen Nikon-Kameras ansetzen.

Was gilt es in puncto Objektive noch zu beachten?

Die Qualität sollte im Sinne einer möglichst detaillierten Bildwiedergabe natürlich möglichst hoch sein. Und dann heißt es: Maximal abblenden – denn in der Dentalfotografie will man ja eine maximale Schärfentiefe erreichen. Oft empfiehlt sich auch der Einsatz bestimmter Filter vor den Objektiven, etwa einem Polfilter. Mit dem lassen sich störende Reflexe, die das Licht auf den Zahnoberflächen hinterlässt, eliminieren. Die Zähne werden, bildlich gesprochen, „entspiegelt“.

Welche Lichtquellen sind optimal?

Das Mittel der Wahl ist ein Makroblitz, beispielsweise das kabellose Nikon-Makroblitz-Kit R1C1, dessen Blitzköpfe mithilfe sogenannter Flash-Brackets direkt neben dem NIKKOR-Objektiv sitzen und sich schwenken lassen. Mit der Positionierung des Blitzes lässt sich das Bild dann ästhetisch steuern. Wenn man statt frontal mehr von der Seite oder indirekt blitzt, erzielt man ein fast dreidimensionales Bild mit schönerer Ausleuchtung und vielen Details. Ein kleiner Fun-Fact am Rande: Es war ein US-Zahnarzt, der in den 1950er Jahren den ersten Makroblitz entwickelt hat.

Licht von links

Licht von oben

Licht von unten

Auf Basis Ihrer jahrzehntelangen Erfahrung schulen Sie Zahnärzte weltweit, vor Ort sowie online über die von Ihnen gegründete dentist.camera Plattform. Welchen Kameratyp empfehlen Sie den Teilnehmern?

Eine gute DSLR oder DSLM. Ich selbst bevorzuge spiegellose Kameras, und zwar vor allem aus einem Grund: Dank der Focus-Peaking-Funktion kann man den Schärfentiefe-Bereich genau analysieren und das Beste in Sachen Schärfe herausholen.

Mit welcher Kamera arbeiten Sie persönlich?

Mit der Nikon Z 6 und der Z 7. Bevor Nikon seine spiegellosen Vollformatkameras auf den Markt brachte, war die Nikon D850 meine Hauptkamera.

Warum arbeiten Sie mit Nikon?

Ich habe schon als Student mit Nikon-Kameras gearbeitet, damals noch mit analogen. 1999 bin ich dann mit der D1 in die Digitalfotografie eingestiegen, wohl als einer der ersten Zahnärzte überhaupt. Eines der Dinge, die mir neben der guten Bildqualität bei Nikon-Kameras und -Objektiven besonders gefällt, ist das durchdachte und konsistente Bedienkonzept: Die Menüstruktur hat sich über die letzten 20 Jahre praktisch nicht verändert. Hinzu kommt: Die Kundenbetreuung durch den Nikon Professional Service ist sehr gut.

Kontrollieren Sie das Bildergebnis am Rechner?

Nein, die Kameramonitore sind inzwischen so gut, dass eine visuelle Kontrolle auf dieser Basis völlig ausreicht. Das ist entscheidend, denn anders als bei etwa der Landschaftsfotografie kann ich die Aufnahme ja nicht einfach wiederholen. Wenn der Zahn einmal abgeschliffen ist, ist er abgeschliffen.

Wie sieht Ihr Workflow aus?

Im Wesentlichen geht es darum, einmal alles richtig einzustellen und dann standardisiert zu fotografieren – was zählt, ist schließlich die Vergleichbarkeit der Bildergebnisse. Das Credo lautet: möglichst neutrale Farben. Bei einem Motiv wie den Zähnen ist der korrekte Weißabgleich naturgemäß entscheidend. Meine Empfehlung lautet: 5.300 Grad Kelvin. Um eine möglichst hohe Bildqualität zu erreichen, arbeite ich mit folgenden Standardeinstellungen: ISO 100, Blende 25 und dann manuell blitzen oder via TTL. Ob die Belichtung optimal ist, prüft man am besten anhand des Histogramms.

Welche Rolle spielt die Bildbearbeitung?

Idealerweise gar keine, Bildbearbeitung ist in der Zahnfotografie eigentlich verpönt, es geht ja gerade darum, zu authentischen, vergleichbaren Bildergebnissen zu kommen. Wenn Sie wissen, wie Sie das Licht und die Farbtemperatur richtig steuern, brauchen sie kein Photoshop und auch keine RAW-Entwicklung, denn die sieht bei jedem Kamerasystem und jedem Anwender anders aus. Ich jedenfalls schieße meine Bilder in der Praxis alle in JPEG.

Neben dokumentarischen zählen zur Dentalfotografie auch Porträt- und künstlerische Aufnahmen, wie man auf Ihrer Website und Ihrem Instagram-Account sehen kann.

Das ist richtig, die Porträtfotografie hat in den letzten Jahren an Wichtigkeit sichtlich dazugewonnen. In der dentalen Porträtfotografie geht es allerdings in der Regel nicht darum, Menschen in ein möglichst positives Licht zu setzen, sondern darum, einen Ist-Zustand darzustellen. So kann ich meinen Patienten beispielsweise deutlich machen, wie man unvorteilhafte Gesichtsproportionen – etwa durch vorstehende Zähne – zahnmedizinisch verschönern kann. Bei solchen Aufgabenstellungen nutze ich die Z 7 in Kombination mit einer Softbox oder einem Beauty Dish.

Haben Sie auch ein Beispiel für die künstlerische Zahnfotografie?

Es gibt verschiedenste Spielarten, unter anderem Composings oder experimentelle Stills. Ein wesentlicher Bereich umfasst die Darstellung von etwa 0,2 mm dünnen Zahnschnitten, die man aus extrahierten Zähnen herstellt. Die werden dann im Kreuzpol-Filter-Verfahren fotografiert, wobei ein Polfilter vor der Objektivlinse und der andere vor dem Blitz sitzt. Wenn man nun die Filter gegeneinander verdreht, brechen bestimmte, kristalline Anteile des Zahns das Licht, was sehr schöne Farbspiele hervorrufen kann.

Abschließend: Es gibt das Klischee, dass Zahnärzte zu den besten Kunden der Kamerahersteller zählen. Glauben Sie, es gibt in Ihrer Branche eine besonders hohe Affinität zur Fotografie?

Davon bin ich überzeugt. Zahnärzte sind von Berufs wegen stark visuell und ästhetisch orientierte Menschen. Viele Zahnärzte fotografieren auch in ihrer Freizeit mit Spaß und Ambition, ich gehöre dazu.

Dr. Alessandro Devigus, Jahrgang 1962, studierte von 1981 bis 1987 Zahnwissenschaften an der Universität Zürich, 1990 gründete er eine eigene Privatpraxis in Bülach (Kanton Zürich). Seit Oktober 2000 ist er CEREC-Dozent an der Universität Zürich. Er ist Referent für verschiedene Kurse und Vorträge zu den Themen CAD / CAM, Fotografie und digitale Technologien. Er ist Mitglied verschiedener Organisationen und Chefredakteur des "International Journal of Esthetic Dentistry". Darüber hinaus betreibt er die zahnfotografische Info- und Fortbildungsplattform dentist.camera und organisiert internationale Konferenzen zum Thema Dentalfotografie. 

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