Mittwoch, 27. Dezember 2017

Reise- und Wildlife-Fotografie mit Daisy Gilardini

Nikon-Ambassadorin Daisy Gilardini hat sich beim ersten Aufenthalt in der Antarktis in den Kontinent verliebt und innerhalb von zwei Jahrzehnten an über 60 Expeditionen in die Polarregion teilgenommen, meistens auf Forschungsschiffen oder Eisbrechern. Hier erzählt sie über die besonderen Herausforderungen als auf die Polargebiete spezialisierte Wildlife-Fotografin.

Daisy Gilardini stammt ursprünglich aus Lugano, Tessin, und lebt heute in British Columbia, Kanada. Das Fotografieren wurde für sie zu einer ernsthaften Tätigkeit, als sie 1989 zum ersten Mal Indien besuchte. Seitdem hat sie mehr als 70 Länder mit der Kamera bereist. Als sie sich nach ihrem ersten Aufenthalt in der Antarktis im Jahre 1997 in den Kontinent verliebte, hat sie die meiste Zeit damit verbracht, in den Polarregionen zu fotografieren.

Innerhalb von zwei Jahrzehnten hat sie an über 60 Expeditionen in die Arktis und Antarktis teilgenommen, meistens auf Forschungsschiffen oder Eisbrechern. 2006 schloss sie sich einer russischen Nordpolexpedition auf Skiern an. Daisy Gilardinis Fotografien werden von international führenden Zeitschriften und Gesellschaften wie National Geographic, BBC Wildlife, Greenpeace oder dem World Wildlife Fund veröffentlicht. Ihre Arbeiten wurden mit den renommiertesten Preisen internationaler Fotowettbewerbe ausgezeichnet, unter anderem mit dem BBC Wildlife Photographer of the Year, Travel Photography of the Year, Nature’s Best und vielen anderen. Im April 2010 wurde Daisy die Ehre zuteil, der Jury des BBC Wildlife Photographer of the Year beizusitzen, dem «Oscar» unter den Naturfotowettbewerben. Sie ist u. a. Mitglied der iLCP, der International League of Conservation Photographers, Mitglied des berühmten Explorer Clubs und Nikon Schweiz Ambassadorin.


Wie bist Du zur Fotografie gekommen?

Als Kind wuchs ich mit dem Wunsch auf, Tierärztin zu werden, weil ich die Natur und Tiere liebte. Aber wie so oft verläuft das Leben nicht nach Plan und ich wurde eine Schweizer zertifizierte Expertin für Rechnungs- und Finanzwesen. Nach meinem abgeschlossenen Masterabschluss eröffnete ich eine Steuerberatungsfirma. Mithilfe eines guten Businessplans und meines Organisationstalents ist es mir dann gelungen, meine Liebe zum Reisen, zur Natur und Fotografie mit meinen täglichen beruflichen Verpflichtungen zu vereinbaren. Schon bald begann ich damit, eigene Fotoprojekte in Angriff zu nehmen. So stellte ich eine Assistenz für mein Steuerberatungsbüro ein, denn ich war mehrere Monate im Jahr unterwegs. Doch jedes Mal, wenn ich ins Büro zurückkehrte, fühlte ich mich bedrückt und unzufrieden. So schrieb ich Artikel und suchte nach Magazinen, die sie veröffentlichten. Es war beinahe so, als hätte ich zwei Vollzeitstellen. Mein Arbeitstag begann um 7 Uhr morgens und endete um Mitternacht und das sieben Tage in der Woche. Der Glaube an die eigene Arbeit, Geduld, Leidenschaft und Beharrlichkeit sind die Schlüssel zum Erfolg. Letzten Endes wurde meine Arbeit publiziert und im Jahr 2006 wurde ich Vollzeit-Fotografin.


Was fasziniert Dich an der Wildlife-Fotografie?

Meine Liebe für wild lebende Tiere begann schon vor langer Zeit. Ich war erst vier Jahre alt, als ich von meinem Taufpaten einen kleinen Robbenwelpen als Kuscheltier bekam. Meine Mutter erklärte mir, dass der Robbenwelpe aus einem sehr kalten Land stammte und auf und unter dem Polareis lebte. Diese Geschichte faszinierte mich. Damals begann ich davon zu träumen, eines Tages diese Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum zu besuchen. Ich habe sieben Jahre dafür gebraucht, das Geld für eine Reise in die Antarktis zu sparen. Doch diese Reise stellte mein Leben komplett auf den Kopf! Ich erinnere mich noch, wie ich zum ersten Mal auf Half Moon Island in den Südlichen Shetlandinseln ankam. Ich hatte einen Kloß im Hals und zitterte vor Rührung, weil mich Hunderte von Zügelpinguinen umringten. An jenem Tag war ich kaum in der Lage zu fotografieren und die wenigen Bilder, die ich machte, waren alle verwackelt, weil ich so gezittert habe.

Oft habe ich versucht, die unwiderstehliche Anziehungskraft, die die Polargebiete auf mich ausüben, zu verstehen. Beinahe möchte ich sie mit Sucht oder Besessenheit bezeichnen. Diese extremen Abenteuer reißen mich aus meiner normalen Alltagswelt heraus und schicken mich auf eine Entdeckungsreise zu meinem Ich. Die Isolation von der modernen Zivilisation und all den Ablenkungen, die sie mit sich bringt, lehren mich, den einfachen Rhythmus der Natur zu schätzen und mich wieder darauf einzulassen. Die heilenden Gefühle der Wiederentdeckung einer urtümlichen Verbundenheit zur Natur und die Wechselwirkungen zwischen den Spezies auf unserer Erde rufen tiefen Respekt und ein Bewusstsein für dieses zerbrechliche Ökosystem hervor. Meine Passion für unsere Natur hat sich zu der lebenslangen Aufgabe entwickelt, die Botschaft vom Umweltschutz zu verbreiten, Respekt zu wecken und unseren zerbrechlichen Planeten zu erhalten. Dies ist extrem aufregend und erfüllend und gibt dem Leben einen Sinn.

Bild: Daisy Gilardini

Was möchtest Du mit Deinen Bildern „aussagen“?

Ich bin Mitglied der International League of Conservation Photographers, einer gemeinnützigen Gesellschaft, deren Mission es ist, den Erhalt von Umwelt und Kulturen mithilfe ethischer Fotografie zu fördern. Beeindruckende Fotografien stellen eine mächtige Triebkraft für den Umweltschutz dar, insbesondere wenn Wissenschaftler und Entscheidungsträger daran mitwirken. Wenn die Menschheit überleben und sich mit unserem Planeten gemeinsam weiterentwickeln will, müssen wir verantwortungsbewusst handeln und mit Demut anerkennen, dass die Natur nicht von uns, wir aber von der Natur abhängig sind. Als Umweltfotografen ist es unsere Aufgabe, mit der universellen Kraft unserer Bilder  die Schönheit der gefährdeten Orte und Spezies festzuhalten und ein Bewusstsein für sie zu wecken. Während die Naturwissenschaft die Daten liefert, um die Probleme zu erklären und Lösungen vorzuschlagen, visualisiert die Fotografie die Probleme mit ihren Bildern. Die Naturwissenschaft ist das Gehirn, während die Fotografie das Herz ist. Denn wir müssen die Herzen und Gefühle der Menschen erreichen, um sie zum Handeln zu bewegen, für die Natur und für uns alle.


Was war Deine bisher grösste Herausforderung als Fotografin?

Da ich eine auf die Polargebiete spezialisierte Wildlife-Fotografin bin, haben die Herausforderungen meistens etwas mit den extremen Umweltbedingungen zu tun, denen ich ausgesetzt bin. Die Kälte stellt eine Herausforderung für die Ausrüstung und den Körper dar. Wenn Du Dich nicht wohl fühlst, kannst Du Dich nicht auf die Aufgabe konzentrieren. Als ich 2009 den Auftrag hatte, eine Nordpol-Expedition auf Skiern zu dokumentieren, bekam ich eine Unterkühlung und musste mit dem Hubschrauber zum Camp zurückgebracht werden. Das war eine äußerst „interessante und erniedrigende“ Erfahrung, die mir eine Lektion war.

Außer den Herausforderungen draußen haben die meisten Schwierigkeiten, mit denen sich ein Wildlife-Fotograf konfrontiert sieht,  mit der geschäftlichen Seite des Berufs zu tun. Nie war der Markt gefährdeter als mit dem Aufkommen von Internet und Micro-Stock-Agenturen. Jeder sucht heute nach kostenlosen oder besonders billigen Bildern, ohne dabei Werte wie Integrität und Ethik der Fotografie in Betracht zu ziehen, die unglücklicherweise immer seltener werden. Wilde Tiere einzufangen oder anzulocken, um das «perfekte Foto» zu machen, ist traurigerweise zur üblichen Praxis geworden.  In seltenen Fällen kann es aus Gründen des Umweltschutzes erforderlich sein, ein Tier gefangen zu nehmen, um es zu fotografieren. Dabei müssen jedoch strenge ethische Regeln, die das Wohlergehen des Tieres betreffen, beachtet und ein entsprechender Hinweis in den Bildinformationen festgehalten werden.

Und zuletzt ist die digitale Manipulation von Bildern ein nicht minder brennendes Problem, das die Authentizität eines jeden Fotos und die Integrität des Fotografen in Frage stellen kann. Um diese Situation zu verbessern, liegt es in unserer Verantwortung, unsere Bilder mit eindeutigen Bildinformationen zu versehen, die eine Montage oder Veränderung des Bildes spezifizieren. So lange man transparent und ehrlich mit seinen Bildveränderungen ist, ist die digitale Bildbearbeitung ein großartiges kreatives Instrument und eine wunderbare Kunstform.

Hast Du ein Lieblingsreiseziel?

Mein liebstes Reiseziel ist der kälteste, trockenste und windigste Kontinent dieser Erde: die Antarktis. Meine Vorstellung von der Antarktis ist die eines anderen Planeten auf unserem Planeten. Dort sieht es so aus, als wäre nach der Schöpfung alles so geblieben, wie es ist. Alles ist in Harmonie, unbefleckt und rein, vermutlich weil nie ein Mensch diesen Kontinent besiedelt hat. Es ist einer der wenigen Plätze der Erde, wo die Tiere keine Angst vor Dir haben, Pinguine auf Dich zukommen, um Kontakt aufzunehmen, Robben mit Dir spielen wollen und Vögel nicht fortfliegen. Es ist ein Ort des Friedens und der Wissenschaft, an dem man nachdenken kann, ohne von der Außenwelt abgelenkt zu werden. Kein Fernsehen, kein Internet, kein Mobiltelefon. Für den Augenblick leben, abgeschnitten sein von der Hysterie und Dramatik unserer «modernen» Gesellschaft, Verbindung aufnehmen mit Mutter Natur und das Gefühl, Eins zu sein mit dem Universum – das ist es, was mich Jahr für Jahr dorthin zurückzieht.

Was macht Deine Fotografie so besonders?

Im Laufe der Jahre habe ich eine eigene Sprache und meinen Stil gefunden. Ich schaffe oder mache keine Bilder, vielmehr empfinde ich Demut bei der Begegnung mit Mutter Natur und sehe mich eher in der Rolle ihres Interpreten und Zeugen. Beim Fotografieren von Wildlife und Landschaft konzentriere ich mich auf die Komposition. Letztlich ist mein Ziel, Emotionen zu vermitteln, indem ich Formen vereinfache. Schlichtheit ist das Zauberwort. Ich möchte zwei meiner Lieblingszitate hier anführen:  

"Einfachheit ist der erste Schritt der Natur und der letzte der Kunst." (Philip James Bailey)
"Es gibt nichts, was so kompliziert wie das Einfache ist." (Charles Poore)

Bild: Daisy Gilardini

Woraus besteht Deine fotografische Ausrüstung, was setzt Du am meisten ein und inwieweit hilft Dir die Ausrüstung, Deine Bildideen umzusetzen?

Ich arbeite in einem der anspruchsvollsten Lebensräume der Erde. Daher benötige ich ein besonders sicheres und robustes Equipment, auf das ich mich verlassen kann. Nikon hat mich niemals enttäuscht.

Meine Ausrüstung besteht aus:

Nikon D4S: Ich liebe meine D4S wegen ihrer Robustheit und der kurzen Verschlusszeit, mit der ich superschnelle Action im entscheidenden Moment einfrieren kann. 

Nikon D810: Meine D810 nutze ich meist für die Landschaftsfotografie und bei guten Lichtverhältnissen besonders in der Antarktis.

Nikon D750: Meine Zweitkamera, wenn ich Wildlife fotografiere, die schneller ist als meine D810. Sie ist auch meine Lieblingskamera für die Makrofotografie. Ich mag den neigbaren Monitor, der mir Aufnahmen aus Bodennähe erlaubt, ohne mich auf den Boden legen zu müssen. Diese Eigenschaft ist sehr nützlich, wenn ich Pinguin-Kolonien fotografiere, bei denen der Boden vollständig mit Guano bedeckt ist.

AF-S NIKKOR 14–24 mm 1:2,8:
Mein Lieblingsobjektiv für die Eisbergfotografie, wenn ich im Zodiac-Schlauchboot unterwegs bin.

AF-S NIKKOR 24–70 mm 1:2,8: Immer in der Fototasche für die Landschaftsfotografie und bei der Wildlife-Fotografie aus kurzer Entfernung.

AF-S NIKKOR 80–400 mm 1:4,5–5,6 ED VR: Eines meiner am häufigsten eingesetzten Objektive, wenn ich Wildlife fotografiere, und das einzige, das ich für Flugaufnahmen einsetze. Ich liebe seine Vielseitigkeit, leichte Bauweise und kompromisslose Schärfe. Es erlaubt mir eine größere Mobilität und eröffnet eine ganze Reihe neuer Möglichkeiten.

AF-S NIKKOR 200–400 mm 1:4,0 VR II: In dieses Objektiv habe ich mich von Anfang an verliebt, seit Jahren ist es mein liebstes Objektiv. Wenn ich keine langen Strecken laufen muss, ist es meine erste Wahl.

AF-S NIKKOR 800 mm 1:5,6 E FL ED VR: Das ist mein Objektiv für die Bären. Superscharf und schnell! Zuweilen setze ich es mit einem 1,25-fach-Telekonverter ein.

Ebenfalls in der Tasche: Nikon-Telekonverter TC-14E III, AF-S NIKKOR 70–200 mm 1:2,8 VRI, AF Fisheye-Nikkor 16 mm 1:2,8, AF-S NIKKOR  16–35 mm 1:4, Blitzgeräte Nikon SB-910 und SB-800

Bild: Daisy Gilardini

Kannst Du angehenden Wildlife-Fotografen ein paar Tipps an die Hand geben?

Meine 5 goldenen Regeln:

Vor Ort sein: Es mag sich wie selbstverständlich anhören, aber wenn Du nicht vor Ort bist, kannst Du auch kein Foto machen. Das bedeutet, dass Du Deine Hausaufgaben machen musst, damit Du stets weißt, wo der beste Aufnahmestandort ist und zu welcher Tageszeit Du da sein musst. Ich bin normalerweise schon eine Stunde vor Sonnenaufgang aufnahmebereit an der der Location und bleibe dort bis eine Stunde nach Sonnenuntergang. Zur Tagesmitte, wenn die Lichtverhältnisse zu kontrastreich ist und die Tiere weniger aktiv sind, bearbeite ich meine Bilder oder mache ein Nickerchen, um mich für die nächste Fotosession auszuruhen.

Kenne dein Motiv und dein Equipment: In der Wildlife-Fotografie ist es wesentlich, die Tiere, die Du fotografieren willst, zu kennen, um ihr Verhalten voraussehen und den entscheidenden Moment festhalten zu können. Deine Ausrüstung solltest Du aus dem Effeff kennen, um die Action mit den richtigen Kameraeinstellungen im entscheidenden Moment scharf in der Bewegung «einfrieren» zu können.

Leidenschaft: Die Liebe und Leidenschaft, die Du in Deine Fotos steckst, wird sie immer aus der Masse herausheben.

Geduld: Wildlife-Fotografie hat auch immer eine Menge mit Frustration zu tun. Du kannst Stunde um Stunde, sogar Tage oder Wochen damit zubringen und dabei den schlimmsten Witterungsverhältnissen ausgeliefert sein, ohne dass Dir die Aufnahme gelingt, auf die Du sehnlichst gewartet hast. Daher ist Geduld einfach unentbehrlich.

Ausdauer: Gib niemals auf! Am Ende hast Du Erfolg - wenn Du nur genug Geduld aufbringst!

Bild: Daisy Gilardini

Mehr von und über Nikon Ambassadorin Daisy Gilardini findet ihr auf ihrer Website.

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