VOLLFORMAT-MASTERCLASS: RAW-FOTOGRAFIE

Donnerstag, 16. September 2021

Die Frage, ob man seine Fotos im RAW- oder JPEG-Format aufnimmt, geht für manche über die fotografische Dimension hinaus und gewinnt schon religiöse Züge. Aber keine Sorge: Bekehren wollen wir hier niemanden. Allerdings sind wir zuversichtlich, dass wir euch von den Vorteilen des RAW(oder »NEF«)-Formats überzeugen können.

Bequemlichkeit vs. Kontrolle

Für den Sinn der RAW-Fotografie muss man zunächst den wesentlichen Unterschied zwischen einem JPEG-Foto und einem NEF-Bild verstehen. Ein Foto im JPEG-Format ist fertig. Im Moment der Aufnahme wendet die Kamera alle gewählten Parameter (egal, ob manuell oder automatisch eingestellt) an und schreibt feste Farb- und Helligkeitswerte in jedes Pixel des Bildes. Die fertige Bilddatei wird dann noch mehr oder weniger stark komprimiert, um keinen Speicherplatz zu verschwenden. Wichtig aber ist vor allem: Die Interpretation der Bildinformationen ist schon abgeschlossen. Ein JPEG ist vergleichbar mit einem fertigen Papierabzug. Man kann das Bild zwar davon ausgehend noch etwas bearbeiten, aber nur in sehr engen Grenzen. Ein RAW-Foto, bei eurer Nikon eine NEF-Datei, ist hingegen mit einem analogen Negativ vergleichbar. Eine Vorgabe, wie diese Datei zu interpretieren ist, wird zwar von der Kamera mitgespeichert, aber daran braucht ihr euch nicht zu halten.

Nicht nur am Rechner, auch direkt in eurer Nikon könnt ihr RAW-Bilder bearbeiten. Geht dafür ins Menü BILDBEARBEITUNG > NEF-(RAW-)Verarbeitung.

Ein RAW-Bild könnt ihr später (fast) beliebig heller, dunkler, kontrastreicher oder -ärmer machen, die Scharfzeichnung oder die Farbsättigung verändern und was auch immer euch sonst einfällt. Ihr könnt sogar Bilder, die ihr im Schwarzweiß-Modus aufgenommen habt, in bunte Bilder zurückverwandeln – und das alles ohne jeglichen Qualitätsverlust. Das ist der wichtigste Vorteil beim NEF-/RAW-Format: Die Kamera speichert alle Daten, die sie im Moment der Belichtung aufgezeichnet hat. Und zwar über ihren gesamten Dynamikumfang. Also: Wer schnell und ohne großen Aufwand ein gutes Bild will, für den ist JPEG genau richtig. Wer auch im Nachhinein die perfekte Kontrolle über sein Bildergebnis sucht, kommt um NEF/RAW nicht herum.

Die Dynamik

Über die Dynamik (ganz genau den »Dynamikumfang«) könnte man eine eigene Artikelreihe schreiben. Hier einmal in aller Kürze: Es geht dabei um den Spielraum vom dunkelsten bis zum hellsten Detail, das die Kamera innerhalb einer Szene jeweils aufzeichnen kann. Und weil die Nikon-Vollformat-Bildsensoren über einen außergewöhnlich großen Dynamikumfang verfügen, bietet unser NEF-/RAW-Format auch noch mehr praktischen Nutzen als das vieler anderer Kameras. Ein Bild, das – warum auch immer – unterbelichtet wurde, wird als JPEG keine großen Möglichkeiten zum Aufhellen bieten. In engen Grenzen ist das zwar möglich, aber was im Bild wirklich dunkel ist, wird auch durch eine Nachbehandlung keine Detailzeichnung mehr bekommen. »Wat fott es, es fott.«, sagen wir im Rheinland. Dasselbe Bild als NEF-Datei wird zwar erst einmal genauso dunkel dargestellt wie sein JPEG-Zwilling, aber die Dunkelheit ist nur Interpretation. Die Daten sind noch da, auch Details, die die Kamera für unwichtig erachtet hat und beim JPEG zugunsten eines ansprechenden Kontrastes mit Schwarz oder Weiß überschrieben hat. In der Nachbearbeitung könnt ihr daher beim NEF-/RAW-Bild sehr weitreichende Anpassungen an ISO-Wert, Helligkeit, Kontrast und Farbe vornehmen. Auch die Einstellungen für die Picture-Control-Konfiguration und den Weißabgleich lassen sich nachträglich verändern. Nicht nur bei Unterbelichtungen ist das Gold wert, auch bei Gegenlichtszenen oder in anderen Situationen mit sehr hohem Kontrast, bei Farbstichen aufgrund schwieriger Mischlichtbedingungen und in vielen anderen Fällen.

Dieses Bild kam genau so aus der Kamera, wie ihr es hier seht. Die lichterbetonte Messung führte dazu, dass im Himmel keine Details verlorengegangen sind, aber auch dazu, dass der Vordergrund nur noch als Silhouette dargestellt wird.

Ausgehend vom selben Bild wie oben, allerdings in der NEF-Version, haben wir in wenigen Schritten diese Fassung entwickelt. Blätter und Gras, erscheinen hier grün und auch die Farben der Boote und der Kleidung der Paddler sind zu erkennen.

Für dieses Bild haben wir dieselben Bearbeitungsschritte angewandt – diesmal auf das Original-JPEG aus der Kamera. Die Tonwertreserven haben hier nicht gereicht. Die Wassersportler bleiben farblos und der Vordergrund kippt sogar ins Violette.

Die RAW-Entwicklung

Ob ihr eure NEF-/RAW-Bilder in NX Studio entwickelt oder in einer Drittanbeiter-Software wie Adobe Lightroom, ist im wesentlichen Geschmackssache. Zwei wichtige Vorteile der Nikon-Software sind:

  • Die perfekte Einbindung des Picture-Control-Konzepts. Alle Einstellungen diesbezüglich werden von der Kamera in der NEF-Datei an die Software übermittelt und umgekehrt könnt ihr in der Software Konfigurationen feinabstimmen und auf die Kamera übertragen.
  • Die perfekte Abstimmung der Algorithmen auf eure Kamera. Bei aller Bescheidenheit: Keiner kennt eure Nikon besser als wir bei Nikon. Weshalb ihr unserer Meinung nach mit NX Studio die feinste Kontrolle über Farbe, Rauschen, Schärfe und jeden anderen Aspekt der Bildqualität habt.

Mehr zu NX Studio und Picture Control findet ihr in folgenden Artikeln:
»Nikon Software Guide: NX Studio – Übersicht«
»Nikon Software Guide: NX Studio – Werkzeuge für die Bildoptimierung«
»Nikon Software Guide: Bildoptimierung mit Picture Control«

RAW-Qualitätsoptionen

Farbtiefe

Ihr habt die Wahl aus 14 Bit oder 12 Bit. Mit 14 Bit nutzt die Kamera die volle Informationsfülle mit 16.384 (=214) Helligkeitsstufen für jedes Pixel. Das ist optimal. Mit 12 Bit sind es »nur« noch 4096 (=212), was immer noch sehr, sehr gut ist. Dafür gewinnt ihr je nach Kameramodell etwas an Bildrate und Serienlänge bei schnellen Serienaufnahmen. Für schnelle Serien solltet ihr also 12 Bit nehmen, für alles andere eher 14.

Komprimierung

Ihr könnt wählen aus einer verlustbehafteten Komprimierung, einer verlustfreien und je nach Kameramodell auch aus einer ganz unkomprimierten Speicherung eurer RAW-Bilder. Für die meisten Anwendungen ist die verlustfreie Komprimierung die beste Wahl.

Bildgröße

Manche Nikons bieten auch für das NEF-/RAW-Format mehr als eine Bildgröße. Wenn ihr also nicht alle Pixel braucht, könnt ihr auf diesem Weg von vornherein die Bildgröße reduzieren. Bei der Z 7 oder Z 7 II zum Beispiel von 45,4 Megapixel (L) auf 25,6 (M) oder 11,4 (S). Bei reduzierter RAW-Bildgröße (also M oder S) sind die obigen Optionen fest eingestellt auf 12 Bit und verlustfreie Komprimierung.

Das duale Datei-Format

Ihr legt euch ungern fest? Macht nichts. Eure Nikon erlaubt es euch, jedes Bild in beiden Dateiformaten zu speichern: in einer JPEG-Datei und in einer NEF-Datei. So habt ihr das Beste aus beiden Welten – einerseits ein fertig entwickeltes Bild gemäß der in der Kamera gewählten Einstellungen und andererseits ein digitales Negativ für eine eventuelle spätere Nachbearbeitung. Für den Fall, dass euch normalerweise das JPEG-Format genügt und ihr ganz gezielt nur bestimmte Bilder zusätzlich im NEF-Format speichern wollt, gibt es noch eine Alternative: Ihr könnt eine der Funktionstasten mit der Funktion »+ NEF (RAW)« belegen und immer dann vor einer Aufnahme diese Taste drücken, wenn ihr ein NEF speichern wollt. Genaueres zur Konfiguration eurer Funktionstasten findet ihr in diesem Artikel : »Vollformat-Masterclass: Individuelle Konfiguration«

Seid ihr überzeugt? Viel Spaß als NEF-/RAW-Fotograf*in!

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