ARCHITEKTURFOTOGRAF MAX LEITNER UNTERWEGS IN SEINER HEIMATSTADT STUTTGART

Dienstag, 22. März 2022

Wie finde ich coole Spots und Perspektiven in meiner eigenen Stadt? Das haben wir den Architekturfotografen Max Leitner, 28, gefragt. Hier kommen seine Antworten.

Max, warum fotografierst du Architektur und Stadtlandschaften?

Gute Frage, die vielleicht einfachste Antwort lautet: Menschen haben mich nie sonderlich interessiert, jedenfalls nicht als Sujet. Hinzu kommt: Ich bin sehr gerne alleine. Ich genieße die Stille, in den für Menschen geschaffenen Räumen, deshalb bin ich auch früh morgens oder nachts unterwegs, wenn eben diese Räume menschenleer sind.

Du bist mit 16 in die USA und hast 2016 an der School of the Art Institute in Chicago einen Bachelor in Fine Arts erworben. Wie hat das deine Karriere beeinflusst?

Ich fotografiere seit ich ein Kind bin. Auf Architekturfotografie als Genre bin ich aber schlussendlich durch mein Studium gekommen. Man darf nicht vergessen: Chicago ist die Wiege der Wolkenkratzer, alles ist Architektur dort, und ich habe fünf Jahre lang jeden Tag dort Gebäude fotografiert.

Inzwischen erstellst du – neben Bildern für Touristikunternehmen – vor allem Referenzbilder für deutsche und europäische Bauunternehmen. Daneben machst du aber auch immer wieder Architektur- und Stadtlandschafts-Aufnahmen für dich selbst. Was treibt dich bei diesen freien Arbeiten an?

Es ist ein innerer Drang. Ich bin von Neugierde getrieben und von dem Verlangen, möglichst gute, das heißt: neuartige Bilder zu machen – ich denke in Bildern, wenn man so will. Oft bin ich auf dem Motorrad unterwegs und habe dabei immer meine Kamera dabei. Wenn die Lichtstimmung passt, steige ich ab und erkunde einen Ort.

Eines deiner Projekte ist eine Langzeitstudie über deine Heimatstadt Stuttgart, in der du seit einigen Jahren wieder lebst. Wie schafft man es, einem Ort, den man in- und auswendig kennt, neue Blickwinkel abzuringen?

Der Blick an ein und demselben Ort nutzt sich irgendwann ab, das ist klar. Andererseits ist ja eben nicht so, dass man einen Ort, und sei es die eigene Stadt, wirklich in- und auswendig kennt. Die Stadtentwicklung ist ja ständig im Fluss. Es gibt also immer wieder etwas Neues zu entdecken – und es gibt ein paar einfache Techniken, um diese neuen Dinge zu sehen und das Fremde im Bekannten zu finden.

Beispielsweise?

Ganz banal gesprochen ist es hilfreich, mit alten Gewohnheiten zu brechen und auf den täglichen Wegen statt in die nächste liegende immergleiche Straße in die Parallelstraße abzubiegen, auch wenn das einen Umweg bedeutet. Auch unterschiedliche Tageszeiten und Wetterstimmungen können dazu beitragen, Gewohntes buchstäblich in einem neuen Licht zu sehen. Wenn ich ein Gebäude oder eine urbane Szenerie immer zur gleichen Tages- oder Jahreszeit fotografiere, wird es schnell lapidar. Aber wenn ich diese Szenerie beispielsweise in eine besondere Wolkentextur oder gar einen Schneesturm einbette, sorgt das für neue Spannung in etwas Altbekanntem.

Kennzeichnend für deine Bildsprache sind neben diesen unterschiedlichen Lichtsituationen auch ungewöhnliche Perspektiven. Wie gehst du vor?

Meist begehe ich einen Ort erst einmal in Ruhe und „notiere“ potenziell interessante Strukturen auf einem Notizblock, ehe ich die Kamera zur Hand nehme. Das kann auch schon mal vier oder fünf Stunden in Anspruch nehmen. Mir geht es darum, eine Location im buchstäblichen Sinn „förmlich“ zu durchdringen, bevor ich auf den Auslöser drücke.

Welche Objektive nutzt du noch?

Kurz gesagt: Alle Nikon Brennweiten zwischen 14 mm und 200 mm, denn manchmal geht es ja darum einen Raum zu „öffnen“, dann wieder darum, ihn zu verdichten. Zu meinen Standardwerkzeugen gehören, neben dem besagten 19 mm Tilt/Shift, das NIKKOR Z 14–30 mm 1:4 S, das NIKKOR Z 24–70 mm 1:2,8 S und das NIKKOR Z 70–200 mm 1:2,8 VR S. Außerdem setze ich das AF-S NIKKOR 14-24 mm 1:2,8G ED, das AF-S NIKKOR 24-70 mm 1:2,8G ED, das AF-S NIKKOR 70-200 mm 1:2,8G ED VR ein –  an der Nikon Z 7 entsprechend mit dem FTZ-Adapter. Ganz allgemein gesprochen, bewege ich mich gern an den Brennweiten-Extremen, also im starken Tele- oder Weitwinkelbereich.

Extreme Weitwinkelaufnahmen wirken schnell artifiziell –  ein sensationalistischer Look, an den man sich schnell satt sehen kann. Viele deiner Stuttgart-Aufnahmen, etwa die im Untergrund der Stadt, sind mit einem 14mm Objektiv entstanden und wirken – trotz aller Weite – organisch. Wie schaffst du das?

Um es deutlich zu sagen: Ich hasse Verzerrungen. Dass diese in meinen Aufnahmen nicht vorkommen, liegt zum einen an bewusst gewählten Perspektiven, die ich durch jahrelange Übung verinnerlicht habe, anderseits auch an der hohen optischen Abbildungsqualität der NIKKOR-Objektive und der Möglichkeit Verzerrungen durch Shiften zu begegnen.

Du sprichst davon, dass du Orte oder Gebäude mit deiner Kamera „dekonstruierst“.

(Überlegt): Das ist gar nicht so leicht zu erklären. Vielleicht ist es mehr ein „Rekonstruieren“ dessen, was der Architekt am Anfang im Kopf hatte: die Suche nach der Quintessenz einer architektonischen Idee, nach dem, sprichwörtlichen Servietten-Entwurf. Indem ich die komplexe dreidimensionale Struktur eines Gebäudes maximal reduziere auf die wesentlichen Linien und geometrischen Strukturen, mache ich den Blueprint, die zweidimensionale Grundidee wieder sichtbar – jedenfalls wie ich sie erlebe.

Apropos Rekonstruktion der Linienführung: Wirklich funktionieren kann eine solche Sichtbarmachung ja nur, wenn eben diese Linien entzerrt sind. Um stürzende Linien zu beseitigen, arbeitest du vermutlich mit Tilt-und-Shift-Objektiven, oder?

So ist es. Zwar lassen sich stürzende Linien auch später am Rechner korrigieren. Fakt ist aber: Wenn man „In-cam“ oder besser gesagt „In-lens“ korrigiert, sind die Bildergebnisse weitaus sauberer. Ich arbeite dazu unter anderem mit dem PC NIKKOR 19 mm 1:4E ED.

Womit wir bei der Frage sind: Warum Nikon?

Die simple Antwort lautet: Ich habe schon immer mit Nikon fotografiert, jahrelang in das System investiert und nie eine Notwendigkeit für einen Systemwechsel gesehen. Die Schärfe der Objektive ist einfach top, ich empfinde die Menüoberfläche als sehr intuitiv, und die Akkulaufzeit ist der Wahnsinn, auch und gerade im direkten Vergleich zu anderen Kamerasystemen. Das gilt übrigens auch für die spiegellosen Nikon Kameras der Z-Serie.

Du fotografierst sowohl mit Nikon D- als auch mit Nikon Z-Kameras. Wann kommt welches System zum Einsatz?

Angefangen habe ich mit der Nikon D810, später bin ich zur D850 gewechselt, die ich nach wie vor nutze – der Sensor ist einfach der Hammer. Inzwischen arbeite ich aber auch immer öfter mit der Nikon Z 7, insbesondere auf Reisen oder on Location, wenn es schnell gehen muss. Der Formfaktor und das geringere Gewicht der Spiegellosen ist da schon toll.

Abschießend: Was rätst du unseren Leser:innen, die ihre Fähigkeiten im Bereich Architekturfotografie ausbauen möchten, insbesondere mit Blick auf Aufnahmen in der eigenen Heimatstadt?

(Überlegt). Ich glaube, das Wichtigste ist es, zu beobachten, was das Licht mit einer Stadtszenerie oder allgemein mit urbanen Strukturen macht. Wenn man zu wirklich neuen Aufnahmen kommen will, macht es Sinn, sich einen ganzen Tag Zeit zu nehmen und einfach mal zu beobachten, wie sich ein Objekt im Tagesverlauf verändert, wie das Licht den Raum modelliert. Außerdem ist es hilfreich mit unterschiedlichen Lichtrichtungen zu experimentieren. Einfach mal Streif- oder Gegenlicht zulassen statt die Sonne stets im Rücken zu haben, führt oft schon zu neuen, spannenderen Bildern, ganz gleich ob die Stadt Chicago, Stuttgart oder Bielefeld heißt.

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